Ready Player One (Film) – Eine Ode an die Virtual Reality

Im Jahre 2045 hat die Realität den Menschen nicht mehr viel zu bieten – die Ölvorkommen sind erschöpft, die Umwelt ist zerstört, viele Menschen sind bitterarm. Deswegen verbringen die meisten den größten Teil ihres Lebens in einer virtuellen Realität, der OASIS. Hier kann jeder das tun, was er tun möchte. Wo die Realität keine Perspektiven mehr bietet, da zieht man sich eben in die virtuelle Realität zurück. Und außerdem gibt es hier einen versteckten Schatz, der demjenigen, der ihn findet, die Rechte an OASIS überträgt.

Filmposter von Ready Player One

Der erste Trailer zum Film Ready Player One ließ Böses ahnen: Eine Art Autorennen á la Fast and Furious in der virtuellen Realität – und das Autorennen kommt in der Buchvorlage gar nicht vor. Ich fand das Buch Ready Player One von Ernest Cline, auf dem der Film basiert, ziemlich gut (hier die Rezension) und fürchtete nach dem Desaster mit der Verfilmung von Stephen Kings Der dunkle Turm schon eine ähnliche Tragödie.

Deswegen gingen wir mit sehr niedrigen Erwartungen ins Kino. Die sich aber zum Glück nicht erfüllt haben!

OASIS – Die virtuelle Realität

Wer nicht weiß, was virtuelle Realität überhaupt ist, der bekommt gleich am Anfang von Ready Player One einen optisch sehr reizvollen Einblick (siehe unten im Trailer): Wade Watts setzt seine VR-Brille auf und wir tauchen mit ihm in OASIS ein. Nutzer von OASIS können alles machen („du kannst auf den Mount Everest klettern – mit Batman“) und alles sein, was sie wollen – wo sie wollen. Es handelt sich um eine riesige Aneinanderreihung von virtuellen Spielwelten und Marktplätzen, und jeder Nutzer kann sich einen virtuellen Avatar erschaffen, also eine Identität, mit einem Aussehen, ganz wie er will. Am nächsten kommt der OASIS vielleicht das bereits in die Jahre gekommene und meiner Meinung nach ziemlich unhandliche Second Life.

Jedenfalls – nach dieser Sequenz weiß jeder Zuschauer Bescheid: Im richtigen Leben bist du nichts, aber in der OASIS kannst du alles, was du willst. Ist doch eine gute Alternative! Da ich mich schon immer für die Entwicklung von virtueller Realität interessiert habe (spätestens seit Tad Williams‘ Otherland) und auch selbst mit der Oculus Rift eine VR-Brille besitze, treibt es mir wegen dieser monumentalen Anerkennung meiner Interessen ein wenig die Tränen in die Augen :D Schon jetzt ist die VR-Erfahrung einfach unglaublich, und wer weiß, was noch kommt!

Die Zutaten zu Ready Player One

Ready Player One ist einfach zusammengestrickt, es mutet fast wie ein Märchen an:

Wir haben einen völlig unscheinbaren Teenager mit dem Namen Wade Watts, der in der Wirklichkeit in einem Armenviertel lebt. In der OASIS ist er Parzival, ein Schatzjäger, der nach dem legendären Easter Egg sucht, das der Schöpfer des Systems, James Halliday, kurz vor seinem Tod dort versteckt hat. Mit diesem Schatz einher gehen die Rechte an der OASIS und ein riesiges Vermögen. Kein Wunder, dass Millionen Menschen versuchen, dieses Easter Egg zu finden.

Wade Watts
Wade Watts in seinem „Zocker-Wagon“

Dazu müssen die Schatzjäger aber drei Prüfungen bestehen – bislang wurde nicht einmal die erste geknackt. Regelmäßig findet ein etwas unfaires Autorennen statt, und wer das Ziel erreicht, der bekommt den ersten von drei Schlüsseln sowie einen Hinweis, wo sich der zweite Schlüssel befindet. Parzival und sein bester Freund Aech nehmen regelmäßig an den Rennen teil, und schließlich gelingt es Parzival, mithilfe eines Tricks durch das Ziel zu fahren. Das macht ihn nicht nur mit einem Schlag reich und berühmt – er weckt auch die Aufmerksamkeit des Riesenkonzerns IOI, der ebenfalls die Kontrolle über OASIS erlangen will.

Vorstandsvorsitzender von IOI ist Nolan, ein machtgieriger Geschäftsmann, dem es vor allem um die Vermarktung geht. Mit der Kultur in OASIS kann er nichts anfangen, und auch nicht mit den ihr eigenen Mythen: Nolan fragt nach einer Fernbedienung, um eine virtuelle Zauberkugel zu bedienen, dabei müsste er einfach einen elbischen Spruch aufsagen. Das kann er nicht und er findet es auch albern. Alles, was er will, ist selbst das Easter Egg zu finden und OASIS besser zu vermarkten. Vom Produkt selbst und den Mechaniken, nach denen das virtuelle Universum funktioniert, versteht er rein gar nichts.

Zusammen mit Aech und seiner neuen Freundin Art3mis beginnt nun eine Jagd durch die OASIS und die reale Welt – denn im Grunde geht es nicht nur um persönlichen Reichtum, sondern um die Zukunft von OASIS selbst. IOI hat beinahe unbegrenzte Mittel, um dem Easter Egg auf die Spur zu kommen.

Dazu gesellen sich zig Anspielungen auf Filme und Spiele, vor allem auch aus dem Ende des 20. Jahrhunderts: King Kong, Jurassic Park (natürlich, es ist Steven Spielberg!), Donkey Kong, Mecha-Godzilla, Arcade-Rennspiele, Herr der Ringe, der DeLorean aus Zurück in die Zukunft und Spiele- und Anime-Charaktere gehen sozusagen Hand in Hand. Wer sich mit diesem Geek-Stuff auskennt, wird seine wahre Freude haben.

Hier ein Trailer, der mehr zeigt als nur Autorennen:

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Unterschiede zum Buch

Die Verfilmung von Ready Player One bringt einige gravierende Veränderungen zur Buchvorlage mit sich. Sie sind aber zu verschmerzen, weil am Ende erstens ein Gesamtwerk entsteht, das einfach gut zusammenpasst, und zweitens sind die wichtigsten „Schlüssel“-Szenen (haha!) aus dem Buch vertreten.

Was im Film allerdings nur angedeutet wird, ist Wades Armut in der Realität. Ja, er lebt in den Stacks – aber nicht thematisiert wird, dass er im Buch eigentlich gar keinen richtigen Zugang zu OASIS hat. Er ist dort einfach zu arm und kann es sich nicht leisten, seinen Schulplaneten „Ludus“ überhaupt zu verlassen. Seine Figur Parzival ist ein absoluter Low-Level-Charakter ohne Equipment und Chancen. Im Film hat er zwar für das Autorennen auch nicht ausreichend Sprit, aber er kann trotzdem alles tun und lassen, was er will.

Insgesamt hat Steven Spielberg die vielen Hardcore-Anspielungen auf die 80er Jahre Popkultur etwas abgemildert. So bestehen im Buch Prüfungen beispielsweise darin, Wargames, einen von Hallidays Lieblingsfilmen auswendig aufzusagen. Das ist ein bisschen krank, und vielleicht auch ein bisschen langweilig. Daher stattdessen das actionreiche Autorennen. Sehr cool ist außerdem die Prüfung im „Overlook Hotel“ aus der Verfilmung von Stephen Kings „Shining“. Wer Shining kennt, dem kommen hier einige Szenen ziemlich bekannt vor.

Auch bei den Hauptpersonen gibt es Unterschiede. Während sich Art3mis und Parzival im Buch erst ganz am Ende endlich treffen, passiert das in dem 140-Minuten-Film schon viel früher. Weggekürzt wurden auch die Episoden, in denen Parzival sich mit seinem besten Freund Aech zerstritten hat und mehrere Monate in einem Zockerapartment lebt, das ausschließlich darauf zugeschnitten wurde, ein tolles Online-Erlebnis zu haben. Dass alle wichtigen Charaktere in der Ready Player One-Verfilmung zufällig in der selben Stadt leben, stört mich ein wenig – im Buch sind liegen teilweise Kontinente dazwischen. Aber gut.

Der Gigant aus dem All in Ready Player One
Der Gigant aus dem All

Zocker fühlen sich hier sehr wohl

Ready Player One ist zu großen Teilen ein CGI-Animationsfilm, aber das ist ja auch richtig so: Er bildet schließlich eine virtuelle Realität ab – es muss also CGI sein. Schon vor Jahren habe ich über den überwältigenden Einfluss von CGI in aktuellen Blockbustern gemeckert – aber hier passt es nun mal. Der Film ist außerdem für das Massenpublikum gemacht und verfügt dementsprechend über actionreiche Szenen und – selbstverständlich bei dieser Vorlage – über atemberaubende Animationen.

Als Zocker finde ich viele Situationen außerdem sehr schön umgesetzt: Wie Parzival, Aech und Art3mis Gegenstände aus dem Inventar nehmen, wie Beute gelootet wird, wie eben ein Inventar auch mal leer ist, wie Skills eingesetzt werden.. Toll gemacht finde ich besonders auch die vielen Szenen, in denen Steven Spielberg zeigt, wie Realität und Virtualität ineinander übergehen:

  • Charaktere wedeln in der OASIS merkwürdig vor ihrem Gesicht herum, weil sie den Sitz ihrer VR-Brille prüfen
  • Menschen auf der Straße und in Apartments, die Kampfbewegungen ausführen, weil sie in der OASIS gerade im Kampf sind
  • Spielcharaktere bilden nicht die Realität wieder: große Kämpfer mit Laserblastern können in Wirklichkeit Hausfrauen oder sogar kleine Mädchen sein – das sieht man aber in der OASIS nicht
  • i-R0k, der angsteinflößende Typ mit Totenkopfkörper, erzählt dem sichtlich desinteressierten Nolan immer wieder von seinen Nackenschmerzen – das wirkt völlig deplatziert, schlägt aber eine tolle Brücke zur eigentlichen Realität: Hinter i-R0k steckt eben doch auch nur ein geplagter Mensch
i-R0k
Der fiese i-R0k schaut sich Parzivals Avatar an

Da fragt man sich schon: Was ist eigentlich echt? Wenn jemand sich in der VR bewegt und dabei auf einer Laufmatte läuft und sich dabei mit einem Avatar unterhält, dessen Spieler eigentlich 1000 km entfernt ist, ist das dann weniger echt, als wenn man das in der Realität tut? Warum? Ich finde, „virtuelle Realität“ ist ein guter Begriff. Es ist genauso Realität wie die „echte“ Realität.

Mein Fazit zu Ready Player One

Obwohl sie relativ leichte Kost bietet, gefällt mir die Verfilmung von Clines Ready Player One ziemlich gut – gibt sie doch tiefe Einblicke in etwas, das vielleicht in den nächsten Jahren immer mehr Bedeutung erlangen wird: Die Virtual Reality. Einblick und vielleicht Ausblick? Denn was der Trailer sagt: Man kann alles machen, man kann überall hin – das stimmt ja. Wie praktisch in Zeiten, in denen Menschen sich immer weniger von dem beeindrucken lassen, was sie haben.

Für Ready Player One muss man das Buch nicht gelesen haben, um den Film zu verstehen, und das ist gut so. Wer das Buch mag und auf die vielen 80er Jahre-Anspielungen verzichten kann (die ich sowieso etwas übertrieben fand), dem wird der Film vermutlich gut gefallen. Man muss auch nicht unbedingt selbst zocken, um den Film zu mögen – Hauptsache, man kann ein wenig mit einer märchenhaften Story anfangen ^^

Ich spreche jedenfalls eine Empfehlung aus: Virtuelle Realität ist eben einfach richtig cool!

3 Comments

  1. „Eine Ode an die Virtual Reality“

    Befanden wir uns überhaupt jemals in der Realität? Bereits aus der Antike ist Platons Höhlengleichnis bekannt (Schatten auf der Leinwand in einer Höhle). Der Roman Simulacron-3 von Daniel F. Galouye wird auf das Erscheinungsjahr 1964 datiert, da geht es um die Überlieferungen aus der Antike in Kombination mit KI und VR. Dieser Roman ist die Grundlage für mehrere Filme, darunter auch Welt am Draht (1973) ->

    https://info-allerlei.de/welt-am-draht.php

  2. Sven

    Sehr interessant! Ich hatte die Werbung dafür in Frankreich gesehen, und dann auch zufällig in der Europa-Park-App entdeckt, dass er dort auch gezeigt wird. Bin total begeistert von der HTC Vive, die ich seit ca. 1 Jahre nutze. Echt eine ganz andere Welt!

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