The Affair – Die verbotene Frucht einer Affäre

Ein mittelmäßig erfolgreicher Schriftsteller trifft im Urlaub auf eine hübsche Kellnerin. Es knistert sofort, und es dauert nicht lang, bis passiert, was in so einem Fall passieren muss: Küsse am Strand und eine heiße Nacht. Wäre da nur nicht die Tatsache, dass beide verheiratet sind. The Affair ist – Überraschung! – eine Drama-Serie über eine Affäre und all die Probleme, die sie nach sich zieht.

Eine Affäre verfilmen – wie soll das denn gehen?!

Das klingt schlüpfrig und verboten, nach heißen Blicken, verstohlenen Schäferstündchen und nach vielen, vielen Lügen, um die Affäre vor den Lebenspartnern geheim zu halten. Schön und gut, ein paar Folgen kann das funktionieren. Aber den Zuschauer könnte das schnell langweilen. Wie gestaltet man also eine Serie über eine Affäre interessant, so dass die Zuschauer auch zur 2. Staffel noch einschalten?

Und wie kann die Gratwanderung zwischen Gut und Böse gelingen? Schließlich sind Affären gesellschaftlich verpönt: Es schwingen Vertrauensbruch, unglückliche Partner und damit verbunden ultimativ der Reiz des Verbotenen mit. Gesellschaftlich gesehen sind diejenigen, die eine Affäre haben, die „Bösen“, sie lügen und hintergehen. Soll man die beiden wirklich in den Mittelpunkt stellen und womöglich auch noch die Sympathie des Zuschauers gewinnen lassen? Es kann ja nicht Sinn der Serie sein, Affären gesellschaftsfähig zu machen. Wie geht man also mit Hauptfiguren um, die jeder Nicht-Fremdgeher potentiell hassen müsste?

Das sind also die Fragen, die ich mir vor drei Jahren stellte, bevor ich The Affair zur ersten Staffel einschaltete: Wie kann die Serie einerseits den Spannungsbogen erhalten und andererseits nicht zu sehr polarisieren, indem sie die eigentlich „bösen“ Hauptfiguren zu wohlwollend behandelt?

The Affair Poster

The Affair bietet bis Stand 2018 vier Staffeln und erhielt für die beiden ersten Staffeln drei Golden Globe-Awards sowie Nominierungen für zahlreiche weitere Preise. Das heißt: Den Showrunnern ist es offenbar gelungen, gute Antworten auf diese Fragen zu finden. Ich selbst habe bis jetzt nur die beiden ersten Staffeln gesehen. Aber das reichte schon, um etwas über The Affair schreiben zu können :D

The Affair nutzt mehrere Kniffe

Die initialen Probleme versucht The Affair mit verschiedenen Ansätzen zu lösen:

  • Betrachtung mehrerer Perspektiven derselben Situation
  • Wohin führt eine Affäre, wenn man den nächsten Schritt macht?
  • Eine Mordverhandlung als Nebenereignis, die das Geschehen einrahmt

Der erste Punkt ist auch der für mich interessanteste. Die Geschichte wird im Rahmen einer Gerichtsverhandlung in der Rückschau erzählt, nach dem Motto: Erzählen Sie doch mal, wie alles angefangen hat. Als Zuschauer sehen wir also sozusagen die Erinnerungen der befragten Personen. Und dadurch ergeben sich interessante Möglichkeiten: Denn je nachdem, wen man zu einem einzigen Ereignis befragt, können die Antworten sehr unterschiedlich sein, denn Erinnerungen sind immer subjektiv.

Was ist eigentlich „Wahrheit“?

In der ersten Staffel betrachten wir als Zuschauer die beiden Hauptpersonen, die Kellnerin Alison Lockhart (Ruth Wilson) und den Schriftsteller und Familienvater Noah Solloway (Dominic West, bekannt aus The Wire). In der zweiten Staffel sehen wir auch noch die Perspektive der beiden betrogenen Ehepartner Cole Lockhart (Joshua Jackson) und Helen Solloway (Maura Tierney, bekannt aus Emergency Room). Die Folgen sind also immer zweigeteilt: Die erste Hälfte zeigt einen Tag oder eine Situation aus der Sicht einer Person, die zweite Hälfte offenbart die Perspektive einer anderen Person. Und die können sich durchaus unterscheiden.

So weisen sowohl Alison als auch Noah die Initiative für die Affäre dem anderen zu. In der Erinnerung hat immer der andere angefangen zu flirten oder zu küssen, während man selbst natürlich Vorbehalte hatte und eigentlich gar nicht wollte. Für den einen ist ein aufgebrachter Wortwechsel schon ein handfester Streit, was in der Serie dann auch so dargestellt wird, für den anderen ist es eher nur eine kurze Meinungsverschiedenheit an einem harmonischen Tag. Eine Begegnung zwischen Alison und ihrem Ehemann Cole wirkt aus Coles Sicht versöhnlich – sie weckt Hoffnung. Für Alison war die Begegnung einschüchternd, Cole wirkt auf sie bedrohlich und sie ist deswegen sehr kleinlaut.

Und auch das Selbstgefühl spielt eine Rolle. Alison sieht in ihrer Erinnerung an schlechten Tagen häufig angespannt und gestresst aus, was sich in Augenringen, zerzausten Haaren und verschwitzten Kleidern wiederspiegelt. In Noahs Erinnerung sieht Alison in der gleichen Situation aber elegant und sexy aus.

Wie es wirklich war, d.h. die Wahrheit, das erfahren wir nicht. Das ist interessant, denn in anderen Serien und Filmen sehen wir die reine, objektive Wahrheit. Streiten sich zwei Personen, dann streiten sie sich. In The Affair sehen wir in aller Deutlichkeit, dass eine Situation auf zwei Personen völlig unterschiedlich wirken kann. Die Deutung hängt ganz davon ab, wie wir Signale interpretieren, wie wir uns gerade fühlen (gestresst? optimistisch? verärgert?) und auch, was wir überhaupt sehen wollen. Immer wieder müssen wir uns beim Betrachten einer Szene in Erinnerung rufen, dass das erstmal nur eine Seite der Medaille ist. Im zweiten Teil der gleichen Szene kann es auch ganz anders aussehen.

Allerdings dreht The Affair nicht jede Szene aus einer zweiten Sicht. Häufig sehen wir auch nur, was die beiden Akteure erleben, wenn sie nicht zusammen sind: Konfrontationen mit den Ehepartnern, auf der Arbeit oder im Alltag. Das hilft uns dann dabei, die gemeinsamen Szenen besser deuten zu können und warum jeder der Personen aus seiner Sicht so handelt, wie es gezeigt wird.

Auf der anderen Seite sieht das Gras grüner aus.. Ist es aber nicht

Viele Affären in der Realität bleiben Affären, oder sie werden irgendwann beendet. In The Affair wollen Alison und Noah den nächsten Schritt gehen und ihre Affäre „ent-affären“, also offiziell machen. Dass die rosarote Brille dann relativ schnell verschwindet, ist klar. Beide müssen sich mit enttäuschten und wütenden Ehepartnern herumschlagen, mit dem Unverständnis der Kinder und Schwiegereltern. Im Urlaub ist alles anders als im Alltag, und auch hier prallen die beiden mit der harten Realität zusammen. Flüchtige Berührungen sind vielleicht am Anfang spannend, aber wenn erstmal Scheidungen anstehen, dann wälzt man die Schuld am ganzen Ärger auch mal auf den neuen Partner ab.

Und last but not least zeigt uns The Affair auch auf, dass Menschen dazu neigen, ihre Träume und Wünsche auf andere Menschen projizieren. Das Eheleben ist langweilig und der Ehepartner versteht mich nicht? Oh, da kommt dieser andere Mensch daher, der ist spannend und betrachtet die Welt genau wie ich! Toll, das ist mein neuer Seelenverwandter! – Nach und nach stellt sich aber heraus, dass der Frust der eigenen Situation dazu führte, dass man im anderen das sieht, was man sehen will. Euphorie verwandelt sich in Enttäuschung.

Indem The Affair eben auch all die Probleme zeigt, die eine so schwierige und sensible Situation mit sich bringt, schafft die Serie die Gratwanderung zwischen „Eine neue Liebe ist wie ein neues Leben“ und „Du hast unsere Familie zerstört!“. Als Zuschauer sehen wir: Ok, indem wir aus dem Alltag ausbrechen und von der verbotenen Frucht essen, bekommen wir neuen Lebensmut. Aber letztlich bringt das neue Probleme, und zwar Probleme der wirklich tiefgehenden Art: Wenn man merkt, dass man dem Ex-Partner wirklich weh tut und ihn bewusst belügt. Wenn klar ist, dass das bisherige Leben so nicht weitergehen wird – und eigentlich war doch alles gar nicht so schlimm früher, vor der Affäre.

Es fällt als Zuschauer jedenfalls schwer, eine der Figuren wirklich zu lieben oder zu hassen. Sie alle haben ihre Ecken und Kanten, und sie alle hadern mit den Ereignissen. Ist es wirklich das richtige, was ich tue? – Das spricht mich an, denn das ist eine Frage, die ich mir auch oft stelle, und auf die ich meistens keine gute Antwort finde ^^ Weitere Aspekte sind diese:

  • Wie geht Alison damit um, „nur eine Kellnerin / Schlampe“ zu sein und als solche eine sechsköpfige Familie zu zerstören?
  • Was sehen Noah und Alison ineinander? Ist so eine Affäre wirklich die wahre Liebe, für die es sich lohnt, den langjährigen Ehepartner zu verlassen?
  • Wie viel Wahrheit sollen Alison und Noah erzählen, wenn sie von Fremden gefragt werden, wie sie sich kennengelernt haben? Schämen sie sich für ihre Geschichte?

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Die Mordverhandlung

Von der Mordverhandlung bekommen wir als Zuschauer nicht viel mit. Hier hält sich The Affair sehr bedeckt. Es dauert sehr lange, bis wir erste Details erfahren. Aber meiner Meinung nach ist die Verhandlung auch nur als Aufhänger dafür gedacht, unterschiedliche Perspektiven zu betrachten. Die erste Staffel schaute ich mit Pierre – er fand die verschiedenen Blickwinkel eher langweilig und war am Ende enttäuscht darüber, dass der Mordfall relativ wenige Fortschritte gemacht hat. Dabei ist die Serie eben keine Krimiserie. Aber das ist eben nur meine Sicht :D

Jedenfalls, aus meiner Sicht ist diese ganze Mordgeschichte relativ langweilig und unnötig. Sie nimmt auch nicht viel Raum ein. Wir wissen nur, dass ein Nebencharakter stirbt – wie es dazu kam und wer verdächtigt wird, das bleibt sehr lange undurchsichtig. Aber okay, für Pierre hat diese Mordgeschichte noch einen spannenden Aspekt zu der sonst eher zwischenmenschliche-Dramen-Serie hinzugefügt.

Fazit zu The Affair

Insbesondere die erste Staffel ist ziemlich aufwühlend. Die Vorstellung, selbst so hintergangen zu werden, ist für viele ein Alptraum. Deswegen saß ich schon etwas gestresst vor dem Fernseher, wenn Alison und Noah sich doch wieder gesehen haben, obwohl sie die Sache beenden wollten. Auf der anderen Seite ging es mir häufig auch so, dass ich mich fragte, ob die beiden wirklich so sehr zu dämonisieren sind. Es sind schließlich Menschen, und wenn einem nun ein anderer Mensch begegnet, mit dem man sich sofort verbunden fühlt, dann wäre es auch ein tiefer Einschnitt, diesen Menschen wieder gehen zu lassen. Schwieriges, ambivalentes Thema!

Ansonsten plätschert The Affair vor sich hin. Wir sehen, wie fiktive Figuren versuchen, ihr Leben in den Griff zu bekommen – ähnlich wie auch die Serie Nashville (die ich ziemlich toll fand, aber nicht rezensiert habe, weil sie eben nur plätschert). Für mich sind wirklich die unterschiedlichen Sichtweisen der Aspekt, der mich an The Affair so fasziniert. Ich bin gespannt, wie es weitergeht :D

Was hältst du von dieser Serienidee? Schreib mir doch ^^

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