Liebes Tagebuch … Das Schweigen der Lämmer, ukrainische Kennzeichen und vergeudete Leben

Liebes Tagebuch, … Ja, das hier wird eine Art Tagebucheintrag ^^ Früher hab ich meinen Blog öfter als Tagebuch missbraucht und alles festgehalten, was mich beschäftigt hat. Und irgendwie hab ich grad das Bedürfnis, das mal wieder zu machen.

Also, liebes Tagebuch, was mich gerade so beschäftigt, sind diese drei Dinge:

  • Autos mit ukrainischen Kennzeichen auf der Autobahn
  • Kann ich noch Tiere essen?
  • Der Alptraum ihres Lebens: Maria Stuart

Diese Themen sind für mich nicht neu, aber sie blubberten in der letzten Woche wieder nach oben, als wir eine Woche in Frankreich waren. Im Urlaub hat man eben auch mal Muse für Kopfarbeit ^^

Menschen mit Krieg im Kopf: Ukrainer auf der Autobahn

Auf der Fahrt nach Südfrankreich und zurück sahen wir auf der Autobahn mehrere Fahrzeuge mit ukrainischem Kennzeichen. Auf meinen bisherigen häufigen Autobahnkilometern habe ich nur selten ukrainische Autos in unseren Gefilden gesehen. Auf der Fahrt nach Südfrankreich aber sahen wir einen ukrainischen LKW und im Süden Frankreichs einen vollgepackten PKW, der noch weiter nach Süden fuhr. Auf dem Rückweg fuhren mit uns zwei oder drei Ukrainer Richtung Norden. Ein winziges blaues Stadtauto, also wirklich sehr klein, stand auf einem Parkplatz an der Autobahn und der Fahrer schlief.

Das hat mich irgendwie mitgenommen bzw. nicht mehr losgelassen. Die Wahrscheinlichkeit, dass diese Leute aufgrund des Ukrainekriegs geflohen und in Mitteleuropa unterwegs sind, ist sehr groß.

Der Krieg dauert jetzt schon zwei Monate und es vergeht nicht ein Tag, an dem ich nicht nach Neuigkeiten dazu suche oder mir absichtlich grausame Bilder anschaue. Autos mit ukrainischem Kennzeichen zu sehen macht das ganze für mich nochmal greifbarer. Ich finde es so surreal, ganz normal auf der Autobahn zu fahren, mit Urlaub im Kopf… und dabei Autos zu sehen, die aus einem Land kommen, in dem gerade Krieg herrscht.

Wie ist es wohl, sich in der Wohnung umzuschauen und zu entscheiden, was alles mit ins Auto soll, weil man seine Heimat jetzt verlässt und nicht weiß, was man nach der Rückkehr noch vorfindet? Was hatten wohl die Insassen des Autos im Kopf, die weiter nach Süden fuhren? Fuhren sie zu Verwandten und Bekannten? Was haben sie zu Hause evtl. gesehen? Wie ist es, wegzufahren und nicht zu wissen, wann und ob man zurückkommen kann?

Und die Autos, die wieder nach Norden fuhren – es besteht eine gute Möglichkeit, dass sie gerade wieder in die Heimat zurück kehrten. Wussten sie, was sie erwarten wird? Wollten sie sich vielleicht der territorialen Verteidigung anschließen? Allein, dieses winzige Auto mit dem schlafenden Fahrer zu sehen, fand ich so herzzerreißend. Das war kein Auto, mit dem man gern tausende Kilometer durch Europa fährt, und auch keins, in dem man gut schlafen kann.

Am liebsten hätte ich den Fahrern zugewinkt, vielleicht als Trost. Aber ich weiß nicht, ob sie für sowas Nerven haben. Was für Zeiten..

Und ja, mir ist bewusst, dass es merkwürdig ist, dass mich dieser eine Krieg unter vielen anderen so betroffen macht. Erklären kann ich es nicht – außer: Ich war ja mal dort und die Ukrainer sind vom Lebensstil her europäischer als andere aktuelle Kriegsparteien, und uns daher „näher“. „Unfair“ gegenüber anderen anderen Ländern im Krieg ist das natürlich schon.

Kann ich noch Tiere essen?

In Frankreich hatten wir ein wenig Tierkontakt. Am ersten Tag machten wir mittags Siesta im Schatten eines Baumes an einer Burg. Da kam eine Hirtin mit einer Herde Ziegen vorbei. Die Ziegen rupften an Gras und Blättern und kletterten auf den Felsen um uns herum. Sie waren sehr neugierig und trauten sich dicht an mich heran, ich konnte sie streicheln.

So schön – und gleichzeitig dachte ich, während ich den Kopf einer Ziege streichelte: Wenn du wüsstest, wie grausam wir andere „Nutztiere“ behandeln, du würdest mir vermutlich den Kopf eintreten. Ich dachte an Massentierhaltung, an Rinder und Schweine in engen Pferchen, die niemals die Sonne sehen. Ich schämte mich.

Einige Ziegen laufen frei umher
Neugierige Ziegen während unserer Siesta in Frankreich

An einem anderen Tag waren wir auf unseren Beinen unterwegs. Unglaublich übrigens, wie sie in der Lage sind, den Körper kilometerweit durch die Landschaft zu tragen, sehr ungewohnt! ^^

Wir liefen einfach mal los, genossen die tolle Aussicht in den französischen Cervennen und den Duft der Nadelbäume und das Zwitschern der Vögel. So schön. Dann kamen wir auf dem Pfad an einer Weide mit einer kleinen Schafherde vorbei. Gott, sind diese Lämmchen süß.. So treuherzig, und auch die großen Tiere. Einfach freundlich und liebenswert. Ich bringe es „wegen der süßen Lämmer“ seit Jahren nicht mehr übers Herz, Lammfleisch zu essen. Das geht einfach nicht, weil ich kleine Lämmer vor Augen habe und mir schlecht wird bei dem Gedanken, dass diese kleinen Tiere auf die Welt kommen und kurz darauf schon sterben, um gegessen zu werden.

Ein paar Schafe liegen im Schatten
Die kleine Herde – diesen Schafen geht es sicher gut

Immer wieder fragte ich mich halbherzig natürlich auch, warum ich dann aber trotzdem Schweine, Rinder und Puten esse. Sind die denn weniger wert als Lämmer, nur weil sie schon erwachsen sind? Das schlechte Gewissen war immer da. Aber es hat immer nur gereicht, den Fleischkonsum zu reduzieren und teureres „Tierwohl“-Fleisch zu kaufen, um das Gewissen zu beruhigen.

Aber jetzt an der Schafweide kam es wieder hoch, mit den Lämmchen und den anderen Schafen direkt vor der Nase. Wie kann ich denn Genuss an Fleisch allgemein finden, von dem ich weiß, dass Lebewesen als Produkt dienen? „Aber es schmeckt doch so gut“…. Ja, aber mit welchem Recht verurteile ich Lebewesen zu einem kurzen, traurigen Leben als industrielles Produkt – nur, weil es mir gut schmeckt?

Wenn ich auf Lämmer verzichten kann, muss das doch auch mit anderem Fleisch gehen. Ich verzichte seit der Schafherde auf Fleisch und versuche das fortzuführen. Vielleicht nicht zu 100 %. Es geht mir hier nicht ums Prinzip, sondern um den Einzelfall. Sollte ich eine vertrauenswürdige Bezugsquelle finden, aus der sich Fleisch von respektvoll gehaltenen Tieren kaufen lässt, dann fände ich das ab und zu okay.

Respektvoll bedeutet für mich, dass die Tiere in kleinen Gruppen, vielleicht Familienbanden, gehalten werden und auf der Weide leben. Sie können sich frei auf ihrer abwechslungsreichen Weide mit Bäumen und verschiedenen Untergründen bewegen und erleben Sonne, Regen, Wind. Ich glaube, dann wäre es für mich okay. Hin und wieder.

Aber Lämmer und Kälber, nein, die bleiben tabu. Es ist natürlich eine sehr persönliche Auffassungsweise, subjektiv geprägt und ein Kompromiss. Ich denke, es wäre unter Umständen okay, Tiere zu essen. Aber jedes muss dafür ein artgerechtes Leben führen dürfen. Und nach wenigen Monaten geschlachtet werden gehört für mich nicht dazu.

„Was hörst du, wenn du einen Döner ans Ohr hältst? Das Schweigen der Lämmer.“ Haha, über diesen Witz hab ich früher auch mal gelacht. Aber mittlerweile ist mir das Lachen schwer vergangen. Vegan leben wäre natürlich noch besser, denn auch die Milch- und Ei-Industrie ist eine schreckliche Quälerei. Aktuell hab ich mit dem Verzicht auf Fleisch schon genug zu kämpfen, und es muss reichen, erstmal nur wenige Eier und vllt. mehr Hafermilch zu nutzen. Aber vielleicht kann ich das auch noch angehen. Für mein Gewissen wäre es jedenfalls besser.

Lucyda sitzt auf einem Stein
Ich während der oben erwähnten Ziegen-Siesta mit dem unten erwähnten Buch über Maria Stuart

Maria Stuart – Der „Alptraum“ ihres Lebens

Und zu guter Letzt kommen wir zu Maria Stuart, im 16. Jahrhundert Königin von Schottland. 2009 habe ich das Buch Maria Stuart – Der Roman ihres Lebens von Margaret George während meiner Ukrainereise gelesen. Jetzt hat mich der über-1000-Seiter nach Frankreich begleitet (siehe Bild oben ^^). Und mon dieu, hat mich das wieder runtergezogen.

Hier ein kurzer Abriss, damit ich weiter unten besser jammern kann.

Die Dame wurde als Tochter von James V von Schottland geboren, musste aber im Kindesalter nach Frankreich, die Heimat ihrer Mutter, fliehen. Dort heiratete sie mit 15 den französischen Thronfolger, wurde an dessen Seite mit 16 Königin von Frankreich. Mit 18 war sie Witwe, ihr Gemahl war mit 17 Jahren einer Entzündung erlegen. Maria kehrte nun als Königin Schottlands in ihre Heimat zurück. Dort hatte sie nun mit einigen Problemen zu kämpfen: Die schottischen Clans sind traditionell sehr zerstritten und haben untereinander immer wieder blutige Fehden ausgetragen.

Das ganze war also ein ziemliches Wespennest, und dort Ordnung reinzubringen, wäre sicher auch einem erfahrenen Souverän nicht leicht gefallen. Ein junges Mädchen von unter 20 Jahren muss da ja auf verlorenem Posten stehen. Zudem befand sich die schottische Gesellschaft gerade in einer Transformation vom katholischen Glauben zum protestantischen. Und auch der verlief nicht friedlich. Maria war katholische Königin eines protestantischen Landes und damit vielen ein Dorn im Auge.

Margaret George - Maria Stuart

Das ganze Buch liest sich so: Maria bemüht sich, ist aber ein Spielball der Ereignisse und lebt ein Leben als Symbol und nicht als Mensch. Sie hat keine Chance, es richtig zu machen und kämpft von Anfang an auf verlorenem Posten. Und es geht hier eben nicht um einen Job, den man kündigen kann, sondern um ein ganzes Leben, vom Anfang bis zum Ende.

Sie versucht, eine tolerante Herrscherin zu sein und gleichzeitig auch privates Glück zu finden. Eine so junge Frau ist natürlich naiv, und ja, sie macht Fehler. Aber in einem solchen Wespennest können solche Fehler tödlich sein. Wie schrecklich ist es, sich zu bemühen, aber ständig Ziel von Verleumdungen oder Verschwörungen zu sein?

Wie schrecklich ist es, wenn man versucht, tolerant zu sein und alles richtig zu machen, aber trotzdem von der einen oder anderen der vielen Seiten genau für diese Kompromisse kritisiert zu werden? Für die Protestanten war Maria als katholische Herrscherin sowieso ein No-Go und für die traditionellen Katholiken, auch die einflussreichen Katholiken im Ausland, hat sie nicht genug getan, um den Protestanten Einhalt zu gebieten.

Aber das alles reicht noch nicht. Mit 24 heiratet sie zum dritten Mal, und ihr Gemahl, James Hepburn, der Earl of Bothwell, war offenbar fast allen Adeligen ein Dorn im Auge. Die Hochzeit verzieh man ihr nicht, es kommt zur Rebellion und nur einen Monat später muss Bothwell fliehen, während Maria in Gefangenschaft der Gegenseite gerät und abdanken muss. Maria kann nach einem Jahr nach England fliehen, sie hofft auf Hilfe ihrer Großcousine Königin Elizabeth I. Doch sie wird festgesetzt – sie ist 24 – und die nächsten 19 Jahre bis zu ihrem Tod auf dem Schafott gefangen gehalten. Ihren Mann sieht sie nie wieder.

Bothwell wiederum versuchte zunächst, Königstreue um sich zu sammeln, um die Rebellion gegen Maria Stuart niederzuschlagen. Er wird mit seinen Schiffen während eines Sturms jedoch nach Norwegen abgetrieben, wo er ebenfalls in Gefangenschaft gerät. Elf Jahre später stirbt er in dänischer Gefangenschaft.

Das war jetzt der kurze Abriss. Jetzt kommen die Emotionen.

Während ihrer langen Gefangenschaft wird Maria Stuart endlich reifer, überlegter, weniger stürmisch. Sie hat viel Gelegenheit, alle ihre Entscheidungen und Handlungen zu überdenken und neu zu betrachten … Aber was bringt das, wenn man keine Chance hat, in Zukunft anders zu handeln? Was für eine immerwährende Qual wäre es, tagein, tagaus in früheren Fehlern zu leben?

Bei Maria ist es so tragisch, dass sie sich als Schutzsuchende nach England begeben hat. Sie wird in Gewahrsam genommen und jahrelang festgehalten. Ohne Prozess, ohne den Nachweis irgendeiner Schuld und ohne die Möglichkeit, vor einen Richter zu treten. Dazu die ganze Zeit im Grunde ganz allein.

Wie oft muss sie wohl die letzte Begegnung mit Bothwell vor Augen gehabt haben? Wie oft wird sie bereut haben, sich ihren Feinden zu ergeben, statt mit ihm gegangen zu sein? Lieber frei und mit dem Partner auf der Flucht, als ein Leben in Gefangenschaft. Wie schrecklich, dass man eine solche Entscheidung trifft und sie das ganze Leben lang bereut und nicht rückgängig machen kann.

In Margaret Georges Buch war es eine Liebesheirat. Ob die beiden wirklich so verliebt waren, ist allerdings nicht gesichert. Aber ich versuche es mir so vorzustellen. Wie schlimm ist es, wenn man gewaltsam von seinem Liebsten getrennt wird und man ihn nicht mehr sehen darf?

Über Bothwell müssen wir gar nicht reden. Sein Schicksal ist derartig schockierend und fürchterlich, dass es mich das lange nach dem ersten Lesen des Buchs und natürlich jetzt auch beim zweiten Mal verfolgt.

Wie Maria wird er in einem fremden Land festgehalten. Ohne Prozess, sondern als politisches Pfand bzw. Geisel. Wie schlimm muss es sein zu realisieren, dass man aber keinen Wert mehr hat? Weder zu Hause interessiert sich jemand dafür, ihn zu befreien, noch kann er selbst für sich bezahlen. Dem dänischen König ist er nicht mal die Todesstrafe wert, und ihn freizulassen ebenfalls nicht. Bothwell wurde zu einer reinen buchhalterischen Position, die ein paar wenige Lebensmittel kostet und sonst nichts.

Bothwell ist ohne Maria so unwichtig geworden, dass man ihn einfach vergisst. Jahrelang allein in einem dunklen Kerker, laut der englischen Wikipedia eng an einen Pfahl gekettet.

Während Maria in ihrer Hölle der ewigen Reue lebt, wird Bothwell jeglicher Wärme beraubt, physisch als auch menschlich. Niemand, der mit ihm redet. Niemand, der sich für ihn interessiert. Jahrelang kein Sonnenlicht oder irgendein Sinneseindruck. Er wird reduziert auf die bloße Existenz, ohne irgendeine Hoffnung. Und dazu die Erinnerungen an frühere Zeiten: Sonne, Wind, Regen, Essen, Gerüche, Respekt, Berührungen, …

Dieses Buch und diese Schicksale haben mich auch diesmal schwer mitgenommen.

Andererseits hilft es auch irgendwie, sich das vor Augen zu halten. Immer, wenn man sich doch mal nutzlos oder gescheitert fühlt, kann man sich Maria Stuart vor Augen halten. Mit 18 Witwe, mit 24 vom Thron in die Gefangenschaft getrieben und mit 44 auf dem Schafott. Oder Bothwell. Einst respektierter und machtvoller Edelmann, und mit 44 nach jahrelanger grausiger Haft allein und vergessen im Kerker gestorben.

Und jetzt ist es Zeit, mal rauszugehen, die Sonne zu genießen und die dunklen Gedanken zu verbannen.

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